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Schweizer Städte investieren bewusst in ihre Attraktivität. Sie tragen so dazu bei, dass urbane Räume sowohl qualitativen Lebensraum, innovative Bildungsstätten und eine florierende Wirtschaft ermöglichen. Damit die hohe Lebensqualität erhalten bleibt, ist es entscheidend, die Qualitäten der Städte gezielt zu stärken und weiterzuentwickeln. Joëlle Bertossa, Vizepräsidentin des Städteverbands und Stadträtin von Genf erläutert, welcher Elemente es bedarf, um eine Stadt für Wirtschaft attraktiv zu machen und welche Rolle die Kultur dabei einnimmt. Im Interview erklärt Mario Branda, Stadtpräsident von Bellinzona, wie seine Stadt strategisch in die Zusammenarbeit von Bildung, Forschung und Unternehmen investiert, um ihren Ruf als Beamtenstadt zu korrigieren. Mit dem Beitrag von Guillaume Tinlot, Finanzdirektor der Stadt Paris, blicken wir über die Landesgrenze und erfahren, wie Frankreichs Hauptstadt die ökologische und soziale Transformation sicherstellt.
Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre und viel Vergnügen mit dieser Ausgabe von focus zum Thema Innovation und Investition in die Attraktivität der Städte.
Kultur zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen
Damit Städte wettbewerbsfähig und attraktiv bleiben, ist es entscheidend, dass Stadtverwaltungen die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen. Kultur ist ein möglicher Hebel dafür.
Joëlle Bertossa ist Stadträtin Departement für Kultur und digitaler Transformation der Stadt Genf.
Das IMD World Competitiveness Center beschäftigt sich seit 35 Jahren mit der Frage, wie die Städte den Herausforderungen Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand begegnen können. Vor kurzem hat es die Ergebnisse des Smart City Index 2026 zu den einflussreichen urbanen Zentren veröffentlicht: Von weltweit nahezu 150 befragten Städten finden sich Zürich, Genf und Lausanne unter den Top 10. Die Auszeichnung würdigt Städte mit leistungsfähigen Infrastrukturen, starkem Institutionenvertrauen und erprobter digitaler Agilität. Entscheidend war zudem die Fähigkeit der öffentlichen Grundversorgung, die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Diese Grundlage wiederum begünstigt ein nachhaltiges gesellschaftliches und soziales Klima, das fraglos zur Lebensqualität und zum Boom der Städte beiträgt.
Genfs internationale Bedeutung wird durch Besonderheiten der schweizerischen Soft Power untermauert. Wir sind nach wie vor ein Global-Governance-Zentrum, und zwar sowohl für die Finanz- und Handelsmärkte als auch für internationale Organisationen und NGO. Die städtischen Behörden sind hierfür der strategische Hebel: Mit einer erprobten Bodenpolitik, gezielten öffentlichen Massnahmen und starken städteübergreifenden Kontakten trägt die Stadt Genf zur Widerstandskraft und zur Attraktivität dieses neuralgischen Zentrums bei. Dafür nutzt sie verschiedene Instrumente, wie etwa ein entsprechendes Kultur- und Sportangebot, ein strukturbildendes Netz öffentlicher Räume und Parkanlagen oder die Schaffung entsprechender Lebensbedingungen für alle Bevölkerungsgruppen.
Dabei muss die Stadtpolitik den gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen umfassend Rechnung tragen. Nicht umsonst wurden die Kreativ-, Kreislauf-, Sozial- und Solidarwirtschaft in den letzten beiden Jahrzehnten institutionalisiert.
So schafft die Verknüpfung von Stadtplanung und Kulturpolitik lebendige Quartiere, denn die Neubelebung und Gestaltung der Stadt ist – genau wie das künstlerische Schaffen – ein demokratischer Akt. Dank dieser Verbindung lässt sich zudem besser vorausahnen, was für die Erneuerung unserer Einrichtungen erforderlich sein wird. Deren Kohärenz beruht zunehmend auf der Abstimmung zwischen den Institutionen und hochwertigen öffentlich- privaten Partnerschaften. Wahrscheinlich besteht die Herausforderung für die Städte bei der Schaffung eines Werte generierenden Kreislaufs darin, für ein Gleichgewicht zwischen globaler Dynamik und lokalem Wohlergehen zu sorgen. Unter uns gesagt: Man will sich Städte nicht mehr einfach nur ansehen – man will sie erleben!
Bellinzona als Innovationszentrum
Mario Branda, Stadtpräsident von Bellinzona, erklärt im Interview, wie sich seine Stadt zum Innovationszentrum für Biomedizin gemausert hat und welche Rolle die Stadtregierung dabei spielte.
Was bedeutet Innovation für die Stadt Bellinzona?
In den letzten Jahren hat sich die Stadt für die Gründung und Entwicklung eines biomedizinischen Forschungszentrums engagiert. So sind insbesondere das IRB Istituto di ricerca in biomedicina (Biomedizinisches Forschungsinstitut) und das IOR Istituto oncologico di ricerca (Onkologisches Forschungsinstitut) entstanden und gewachsen. Die beiden national und international anerkannten Institute beschäftigen heute rund 300 Personen, darunter Forscherinnen und Forscher aus aller Welt.
Welche Funktion nimmt in diesem Zusammenhang der Switzerland Innovation Park wahr?
Es geht darum, Privatinitiativen und in den Exzellenzzentren von Bellinzona entwickelte biowissenschaftliche Forschung zusammenzubringen. Ziel der Zusammenarbeit ist es, Innovation anzuregen und zu fördern. Hier werden technische Ressourcen, Räumlichkeiten, Know-how und ein Rechtsrahmen bereitgestellt, um die Entstehung öffentlich-privater Partnerschaften zu ermöglichen. Der Innovationspark will als Impulsgeber für Innovationsprozesse und Forschung sowie als Anziehungspunkt für Unternehmen fungieren.
Fördern strategische Investitionen in Start-ups die wirtschaftliche Entwicklung von Bellinzona? Wie kann die Stadt solche Initiativen langfristig unterstützen?
Die Stadt unterstützt solche Initiativen in finanzieller und logistischer Hinsicht; insbesondere hat sie sich an den Baukosten für die Einrichtung der zuvor erwähnten Standorte beteiligt, die benötigten Grundstücke im Rahmen von Baurechten zur Verfügung gestellt und Räumlichkeiten in eigenen Gebäuden bereitgestellt, in denen Unternehmen aus der Biowissenschaft tätig sein können.
Welche Faktoren machen Bellinzona zu einer attraktiven Stadt für Unternehmen und Erwerbstätige?
Unternehmen finden hier ein Umfeld, in dem andere Einrichtungen und Firmen tätig sind und das die logistischen Bedingungen, das Know-how und die technologischen Hilfsmittel bereitstellt, die in Netzwerken gemeinsam genutzt werden können. Ausserdem befinden wir uns in einem wirtschaftlichen und politischen Umfeld der Sicherheit und Stabilität; die Stadt und die Region sind sehr gut mit der übrigen Schweiz verbunden, aber auch Mailand ist nur eineinhalb Stunden entfernt. Bellinzona hat sein eigenes Glasfasernetz aufgebaut, das einfache und sichere Telekommunikationsverbindungen ermöglicht. Hinzu kommen das angenehme Klima und die schöne Landschaft. Und schliesslich die hohe Dichte an Dienstleistungen für die Bevölkerung, sowie die im Vergleich zu anderen Regionen deutlich günstigeren Wohnkosten.
Welches sind heute die grössten wirtschaftlichen und finanziellen Herausforderungen für die Stadt Bellinzona?
Bellinzona hat sich lange als Standort für öffentliche Verwaltungen präsentiert. Heute besteht die Herausforderung darin, der Stadt ein Profil zu verleihen, das auch andere Tätigkeits- oder Produktionsbereiche einbezieht, insbesondere den Sektor der biomedizinischen Forschung. Wichtige Initiativen kommen auch aus dem Tourismus, mit dem Projekt der Aufwertung von Baudenkmälern des UNESCO-Weltkulturerbes (Festung) und der Landschaft (Weinbau, Flusspark, Mountainbike-Routen).
Wie kann eine Stadt wie Bellinzona die eigene finanzielle Widerstandsfähigkeit stärken, um auf Konjunkturschwankungen sowie auf strukturelle Herausforderungen wie starke demografische Veränderungen oder auf Extremereignisse vorbereitet zu sein?
Bellinzona verfügt nicht über dieselbe Finanzkraft wie andere städtische Zentren der Schweiz. Ihr Steueraufkommen ist noch stark von natürlichen Personen abhängig. Auch wenn diese Situation keine grossen Sprünge zulässt, insbesondere was die Steuerbelastung betrifft, so bietet sie doch insofern einige Vorteile, als die Stadt weniger oder in geringerem Ausmass unter Konjunktur- oder Marktschwankungen leidet. Gleichzeitig muss gesagt werden, dass Bellinzona nicht über das nötige Potenzial verfügt, die ständigen Lastenüberwälzungen von Kanton oder indirekt vom Bund problemlos zu verkraften und abzufedern.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Vision haben Sie für Bellinzona als Wirtschaftszentrum und Lebensort in den nächsten 20 Jahren?
Bellinzona zählt heute über 45 000 Einwohner, und seit etwa zehn Jahren erleben wir ein beständiges Bevölkerungswachstum: Die zentrale geografische Lage, die einfachen und schnellen Verkehrsverbindungen, das optimale Verhältnis zwischen Dienstleistungsqualität und Kosten, und daher in letzter Konsequenz die Lebensqualität machen die Stadt für viele Menschen interessant; insbesondere auch für junge Familien. Die Herausforderung besteht darin, anhand einer Reihe von bereits erwähnten strategischen Projekten eine wirtschaftliche und unternehmerische Dynamik zu schaffen, die nicht mehr allein auf dem Verwaltungsapparat und den Dienstleistungen der Stadtverwaltung basiert.
Mario Branda geboren am 15. Februar 1960, Jurist in Genf, Rechtsanwalt. Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Leiter des Aufsichtsamts für Vormundschaften (Ufficio di vigilanza sulle tutele), Staatsanwalt von 2001 bis 2010. Seit 2011 Inhaber einer Anwaltskanzlei in Bellinzona. Mitglied des Grossen Rates von 2011 bis 2012. Stadtpräsident von Bellinzona seit 2012.
Wie finanziert Paris den ökologischen und sozialen Wandel?
Die Städte investieren viel in den ökologischen und sozialen Wandel. Die Finanzierung dieses Wandels ist für die öffentliche Hand eine Herausforderung, weshalb innovative Ansätze erforderlich sind. Die Entwicklung von Finanzierungsinstrumenten wie grünen Anleihen ist ein solcher Ansatz.
Guillaume Tinlot, Direktor für Finanzen und Beschaffung der Stadt Paris.
Obgleich die öffentlichen Haushalte in Frankreich unter starkem Druck stehen und die globale geopolitische Lage zunehmend für makroökonomische Unsicherheiten sorgt, ist Paris entschlossen, eine Investitionspolitik zu verfolgen, die den Herausforderungen des Wandels, insbesondere des ökologischen und des sozialen Wandels, gerecht wird. Diesen Herausforderungen stehen alle europäischen Metropolen gegenüber. Der Investitionsbedarf der Städte und Gemeinden in den ökologischen Wandel ist sehr hoch und wird noch weiter steigen, wenn Frankreich bis 2050 klimaneutral sein soll.
Zur Bewältigung dieser Aufgaben und der Finanzierung der ökologischen Transformation durch die Städte sind innovative Ansätze notwendig. Daher hat Paris im Jahr 2015 – im Jahr des Pariser Klimaabkommens – eine erste «Klimaanleihe» ausgegeben. Damit wurde zum Ausdruck gebracht, dass alle mobilisierten Finanzmittel direkt in die Durchführung von Projekten zur Förderung der Klimawende fliessen sollen. 2017 ist Paris noch einen Schritt weiter gegangen und hat einen Rahmen für die Finanzierung von Investitionen in die nachhaltige Entwicklung geschaffen («framework sustainable»), damit Investitionsprojekte, die zur nachhaltigen Entwicklung beitragen, ebenfalls gefördert werden können. Im Rahmen der Finanzstrategie der Stadt gibt Paris beispielsweise seit einigen Jahren «sustainable»-Anleihen aus, die direkt der Finanzierung von Projekten zur Dekarbonisierung des Verkehrs, zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden, zur Anpassung des öffentlichen Raums an den Klimawandel (Begrünung usw.) und zur Entwicklung von erschwinglichem Wohnraum dienen.
Diese «sustainable»-Anleihen werden an Investoren ausgegeben, damit die öffentliche Hand Projekte finanzieren kann, die zum ökologischen und sozialen Wandel beitragen. Sie gehen mit einer detaillierten Berichterstattung und Bewertung der getätigten Investitionen einher, wobei strenge Kriterien für die Bewertung und die Auswahl der Projekte gelten. Die Berichterstattung ist ebenfalls umfassend und erfolgt in unterschiedlicher Form (Veröffentlichung von Berichten, Aufnahme in die Bücher usw.). Grüne Anleihen können zudem im Rahmen eines finanzunabhängigen Ratingsystems bewertet werden, sodass auch die Erfüllung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien berücksichtigt werden kann.
Die grünen Anleihen können auf dem öffentlichen Anleihenmarkt oder zur privaten Zeichnung angeboten werden, das heisst, es wird eine begrenzte Zahl von Zeichnern gesucht (zum Beispiel Rentenfonds), wobei häufig der Bankensektor für die Ausgabe mobilisiert wird. Anleihen oder Schuldtitel werden in erheblichem Umfang begeben und sind somit den grossen Städten vorbehalten. Der Bereich Bankdarlehen für Nachhaltigkeitsziele und zur Finanzierung des ökologischen und sozialen Wandels entwickelt sich ebenfalls stark. Hier sind als Finanzierungspartner institutionelle nationale Einrichtungen (wie die Caisse des Dépôts et Consignations), und europäische Einrichtungen (wie die Europäische Investitionsbank) beteiligt.
Diese Form der Finanzierung ist Teil des für die französischen Städte und Gemeinden geltenden regulatorischen und institutionellen Rahmens. Die Darlehen dürfen daher nur der Finanzierung der Investitionsprojekte (und nicht der Betriebsausgaben) dienen und unterliegen regelmässigen externen Kontrollen sowie strengen Rechnungslegungsvorschriften. Darlehen, die mit einer öffentlichen Aufforderung zur Zeichnung einhergehen, müssen überdies speziellen Vorschriften und einem strengen, für diese Innovationen geltenden Aufsichtsrahmen genügen.
Dieses Finanzierungsmodell dient heute nach wie vor in erster Linie der Förderung von Projekten, die in Reaktion auf den Klimawandel entwickelt werden. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung der Metropolen sind alle Voraussetzungen gegeben, um dieses Modell auf andere Sektoren als den ökologischen Wandel, insbesondere auf den sozialen Wandel, auszuweiten. Dabei gilt es, auch hierfür das Interesse der Investierenden zu wecken.
Für die Umsetzung dieser innovativen Finanzierungsstrategien sind jedoch die Grösse und Finanzkraft einer Stadt von entscheidender Bedeutung. Bestimmte Instrumente, insbesondere Anleihen, eignen sich für grosse Finanzvolumina und sind somit nur für grosse Städte eine Option. Zudem benötigen die Finanzdirektionen der Kommunen für diese Instrumente entsprechende Kompetenzen und umfangreiche Kapazitäten für die Analyse und Nachverfolgung. Trotzdem können sich alle Städte und Gemeinden dieser Art der Finanzierung bedienen, insbesondere Bankfinanzierungen, die allen zugänglich sind. Um Erfolg sicherzustellen, bedarf es allerdings eines besonders sorgfältigen Umgangs mit diesen innovativen Instrumenten.