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Liebe Leserin, lieber Leser
Die Städte setzen seit Längerem auf sichere, ruhigere und lebenswerte Verkehrsregime innerorts – auch auf Hauptachsen. Dabei ermöglicht Tempo 30 Verbesserungen bei Sicherheit, Lärmschutz, Stadtgestaltung, Umwelt und Klima. Kurz: Es schafft mehr Lebensqualität für alle. Tempo 30 führt kaum zu Beeinträchtigungen des Verkehrsflusses, oft wird dieser noch gesteigert. Die Begleitstudie der Verkehrsberuhigung der Bahnhofstrasse in Aarau zeigt deutlich auf, dass sich die Situation sogar verbessert, wie Werner Schib, Vize-Stadtpräsident und Leiter des Ressorts Verkehr und Umwelt der Stadt, erläutert. Esther Keller, Regierungsrätin der Stadt Basel und Präsidentin der Städtekonferenz Mobilität, betont, dass diese Veränderungen im Strassenraum auf Wunsch der Bevölkerung realisiert werden. Bettina Zahnd, Leiterin Sicherheit im Strassenverkehr bei EBP Schweiz unterzieht das Thema Tempo 30 einem Faktencheck. Dieser zeigt, dass Tempo 30 eine grosse Wirkung bei sehr geringen Nachteilen erzielt. Insbesondere auf Hauptachsen in Kernzonen von Städten und Dörfern wird der Strassenraum sicherer, ruhiger und lebenswerter – und Tempo 30 wird damit zum wirksamen Instrument einer zukunftsfähigen Mobilität.
Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre und viel Vergnügen mit dieser Ausgabe von focus zum Thema Tempo 30.
Mehr Sicherheit, weniger Lärm, bessere Luft
Die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h auf Hauptachsen wird schweizweit diskutiert. Für die Städte ist klar: Tempo 30 macht den Strassenraum sicherer, leiser und lebenswerter, verbessert Umwelt, Klima sowie Stadtgestaltung und stärkt so die Lebensqualität für alle. Zum Beispiel in Basel.
Esther Keller ist Basler Regierungsrätin (Bau- und Verkehrsdepartement) und Präsidentin der Städtekonferenz Mobilität. Seit 2024 ist sie Vorstandsmitglied der Konferenz der kantonalen Direktoren des öffentlichen Verkehrs (KöV).
Eines der vielen Verkehrsthemen, über das in Basel und schweizweit leidenschaftlich debattiert wird, ist die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit innerorts auf 30 km/h. Wobei man hier differenzieren muss: Gerade in Wohnquartieren und im Umfeld von Schulstandorten ist Tempo 30 weitgehend unumstritten. Mehr noch: Die Anwohnenden wünschen sich häufig eine Tempo-30-Zone oder eine Begegnungszone, wo Autos mit höchstens 20 km/h unterwegs sein dürfen. In Basel haben wir über 90 Begegnungszonen, die wir grossmehrheitlich auf Wunsch der Bevölkerung realisiert haben.
Im Kanton Basel-Stadt sind aktuell rund 63% aller Stadt- und Kantonsstrassen verkehrsberuhigt, auf insgesamt knapp 180 Kilometern gilt Tempo 30. Damit verbessern wir die Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden, besonders aber für die Velofahrenden sowie Fussgängerinnen und Fussgänger. Zudem schützen wir die Bevölkerung vor Verkehrslärm und tragen dazu bei, unser ambitioniertes Klimaziel «Netto-Null bis 2037» zu erreichen. Verschiedene parlamentarische Vorstösse und Volksentscheide haben uns auf diesem Weg vorwärtsgebracht. Bis Ende Jahr wird die Basler Regierung zu einer kantonalen Motion berichten, die verlangt, dass in Basel-Stadt integral Tempo 30 gelten soll. Bereits heute sind wir in Basel weiter als viele andere Städte und haben auch auf rund 6% unserer übergeordneten Strassen Tempo 30 eingeführt. Das wurde in zwei Fällen von Autoverbänden bis vor Bundesgericht bekämpft. 2018 fällte das Bundesgericht den wegweisenden Entscheid, dass wir in der Sevogelstrasse – einer Hauptsammelstrasse mit direkt anliegenden Schulhäusern und übermässiger Lärmbelastung – Tempo 30 einführen durften. Im Herbst 2023 stützte das Bundesgericht erneut ein entsprechendes Vorhaben des Kantons: Wir durften auf der Feldbergstrasse Tempo 30 einführen. Die Feldbergstrasse ist eine stark befahrene Hauptverkehrsstrasse. Hier überschritten die Stickstoffdioxid-Immissionen ständig die erlaubten Grenzwerte. Dank Tempo 30 sanken die Immissionen wesentlich.
Diesen erfolgreichen Weg möchten wir weitergehen. Deshalb beobachten wir das Ansinnen der Motion Schilliger, Tempo 30 auf übergeordneten Strassen zu erschweren, und den darauf basierenden Vorschlag des Bundesrates mit Sorge. Es widerspricht der Stossrichtung unseres Parlaments und der Regierung, erschwert das Erreichen unserer Klimaziele gemäss Kantonsverfassung und würde massiv in die Autonomie der Städte und Gemeinden eingreifen. Die Städte und Gemeinden werden sich gegen diesen Eingriff wehren.
«Ein Eingriff in die Gemeinde-autonomie ist der falsche Weg»
Werner Schib, Vize-Stadtpräsident der Stadt Aarau, Ressorts Verkehr und Umwelt, Die Mitte, Stadtrat seit 2014 und bis Ende 2025. Beruf: Rechtsanwalt und Notar.
Welchen Stellenwert hat Tempo 30 für die Stadt Aarau?
Aaraus Quartierstrassen sind heute praktisch flächendeckend verkehrsberuhigt. Die Stadt nimmt auch bei Umbau- und Umgestaltungsprojekten von Hauptstrassen eine Güterabwägung zwischen Tempo 50 und Tempo 30 vor. Beim Kanton setzt sich die Stadt seit Jahren dafür ein, dass die Güterabwägung zwischen Tempo 50 und Tempo 30 in die Planung der städtischen Strassenräume einfliesst.
Wie akzeptiert ist Tempo 30 in der Bevölkerung?
Tempo 30 auf Quartierstrassen ist von der Bevölkerung und den Verkehrsteilnehmenden akzeptiert. Beim Projekt Bahnhofstrasse gab es vor allem anfänglich nebst den positiven auch kritische Stimmen. Insbesondere ältere und beeinträchtigte Menschen hatten Mühe mit dem flächigen Queren der Strasse ohne Fussgängerstreifen. Im Rahmen des Strassenbauprojekts braucht es noch bauliche Verbesserungen. Die kritischen Stimmen wurden aber im Verlaufe des Testbetriebs immer weniger. Ich bin überzeugt, dass die städtische Bevölkerung heute klar hinter Tempo 30 auf der Bahnhofstrasse steht.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Kanton, gerade beim Projekt Bahnhofstrasse? Konnten die städtischen Interessen ausreichend eingebracht werden?
Die Zusammenarbeit mit dem Kanton gestaltete sich sehr gut. Man nahm unsere Anliegen ernst und war gewillt, eine gemeinsam getragene, gute Lösung umzusetzen. Der vom Kanton gewählte Projektname «Mitenand statt Gägenand» war und ist passend. Im dichten städtischen Raum kann der Verkehr nur gemeinsam bewältigt werden, mit gegenseitiger Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmenden.
Die Bahnhofstrasse ist jetzt sicherer und hat mehr Aufenthaltsqualität. Geht das zulasten der Autofahrenden?
Nein, die Auswertung des Testbetriebs hat klar gezeigt, dass sich die Reisezeiten für die Autofahrenden sogar verbessert haben. Das Projekt Bahnhofstrasse ist auch für die Autofahrenden von Vorteil, was sicher auch damit zusammenhängt, dass das Vorhaben nicht eine reine Temporeduktion, sondern auch die Aufhebung einer Lichtsignalanlage bei einer Kreuzung und die Aufhebung eines Linksabbiegers beinhaltete. Das Projekt besteht somit aus einem Bündel fein aufeinander abgestimmter Massnahmen, Tempo 30 ist ein wichtiger Teil davon.
Was können andere Städte aus den Erfahrungen von Aarau mit Tempo 30 lernen?
Sehr wichtig ist ein gutes Monitoring – vorher und nachher müssen genau verglichen werden können. Die Umsetzung im Rahmen eines Testbetriebs erwies sich ebenfalls als richtig. Einerseits konnte die Strassengestaltung in der Hälfte des Testbetriebs wie vorgesehen geändert werden (mit und ohne Radstreifen). Es war also möglich, verschiedene Situationen zu testen. Der Testbetrieb bot auch die Möglichkeit, kurzfristig zu reagieren bzw. Optimierungen vorzunehmen. In der Vorweihnachtszeit entstanden bei der Ausfahrt eines öffentlichen Parkings lange Wartezeiten, was zu vielen Reklamationen führte. Dank kurzfristigen Massnahmen in einer Zufahrtsstrasse zur Bahnhofstrasse konnten diese Schwierigkeiten behoben werden. Nachdem die Auswertung des Testbetriebs zeigte, dass die gesteckten Ziele erreicht wurden – z.B. Verbesserung des Verkehrsablaufs für alle Verkehrsteilnehmenden, Erhöhung der Fahrplanstabilität des öffentlichen Verkehrs –, lag die definitive Verkehrsanordnung (Tempo 30) öffentlich auf. Während gegen die öffentliche Auflage des Testbetriebs Einsprachen eingingen, war dies bei der definitiven Verkehrsanordnung nicht mehr der Fall. Der Testbetrieb hat auch klar gezeigt, dass Veränderungen Zeit brauchen.
Die Städte wollen Tempo 30 auf Hauptachsen einfacher umsetzen können, der Bund nicht. Wie sehen Sie die Zukunft?
Ich bin überzeugt, dass die Städte und Gemeinden am besten entscheiden können, welche Höchstgeschwindigkeiten auf ihrem Gebiet gelten sollen. Eine Überregulierung durch den Bund und der vorgesehene Eingriff in die Gemeindeautonomie sind der falsche Weg. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass Hauptstrassen(abschnitte) im dicht besiedelten städtischen Gebiet viele Zwecke erfüllen müssen und nicht einfach «verkehrsorientiert» sind. Für die Stadt Aarau ist der fragliche Teil der Bahnhofstrasse keine «verkehrsorientierte», sondern eine «siedlungsorientierte» Strasse. Das zeigt allein die Tatsache, dass auf der Bahnhofstrasse mehr Fussgängerinnen und Fussgänger unterwegs sind als Autofahrende.
Tempo 30 im Faktencheck – Auswirkungen auf Verkehrssicherheit, Reisezeiten und Ausweichverkehr
Tempo 30 gilt vielerorts als Schlüssel für mehr Lebensqualität und Sicherheit im städtischen Raum. Gleichzeitig stehen Fragen zu Reisezeiten und möglichem Ausweichverkehr im Raum. Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass Tempo 30 wirkt – mit klar messbaren Vorteilen und überschaubaren Nachteilen.
Bettina Zahnd ist Leiterin Sicherheit im Strassenverkehr bei EBP Schweiz AG.
Immer mehr Städte setzen innerorts auf Tempo 30 als wirksames Instrument für eine sichere, leise und menschengerechte Mobilität. Diverse Studien aus dem In- und Ausland belegen, dass sich reduzierte Geschwindigkeiten positiv z.B. auf die Verkehrssicherheit und die Aufenthaltsqualität auswirken und dass den nicht erwünschten Auswirkungen z.B. auf Reisezeiten und Ausweichverkehr mit Begleitmassnahmen entgegengewirkt werden kann.
Weniger Lärm, mehr Aufenthaltsqualität
Eine Reduktion von 50 auf 30 km/h senkt die durchschnittlichen Lärmpegel um rund 2 bis 4 Dezibel. Diese Werte bedeuten für Anwohnende eine deutlich wahrnehmbare Entlastung – besonders in den Nachtstunden, wenn einzelne Lärmspitzen entscheidend für die Schlafqualität sind. Auch die gleichmässigere Fahrweise bei tieferem Tempo reduziert störende Beschleunigungsgeräusche. Damit verbessert sich die Aufenthaltsqualität im unmittelbaren Strassenraum. Das zeigt auch die im Frühjahr 2025 im Auftrag der Städtekonferenz Mobilität durchgeführte Befragung: wer an einer Tempo-30-Strasse wohnt, will nicht zurück zu Tempo-50.
Deutlich geringeres Unfallrisiko
Sehr deutlich fällt auch der Effekt auf die Verkehrssicherheit aus. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass sich bei 30 km/h die Zahl schwerer Unfälle reduziert. Bei dieser Geschwindigkeit verkürzt sich der Anhalteweg um rund 50 Prozent gegenüber Tempo 50, die Überlebenschancen bei einem Aufprall steigen markant. Besonders Kinder, Senioren und Seniorinnen sowie Velofahrende profitieren: Sie werden früher wahrgenommen und sind in Konfliktsituationen besser geschützt. Auch die Häufigkeit von Unfällen wird reduziert, da Autofahrer und Autofahrerinnen auf derselben Strecke bei geringerer Geschwindigkeit mehr Zeit haben, Gefahren zu erkennen.
Die subjektive Sicherheit nimmt ebenfalls zu – ein zentraler Faktor, damit sich Menschen häufiger zu Fuss oder mit dem Velo im Alltag bewegen. Damit trägt Tempo 30 nicht nur zur Reduktion von Unfällen bei, sondern stärkt auch die aktive Mobilität.
Reisezeiten: in der Realität ist man kaum länger unterwegs
Ein häufiges Gegenargument lautet, Tempo 30 verlängere Fahrzeiten spürbar. Berechnungen auf Basis von Realdaten aus dem Kanton Luzern zeigen jedoch ein anderes Bild: Auf innerstädtischen Strecken zu Stosszeiten ist kaum mit einer Verlängerung der Reisezeit zu rechnen, da bereits heute die signalisierte Höchstgeschwindigkeit selten erreicht wird. Zu Nebenverkehrszeiten in ländlichen Gebieten ist damit zu rechnen, dass der motorisierte Individualverkehr bei einer konsequenten Umsetzung von Tempo 30 auf Hauptsstrassen in den Kernzonen aller Dörfer im Durchschnitt 5 bis 7 Prozent länger unterwegs ist. Das entspricht auf einer 25-Kilometer-Fahrt etwa ein bis zwei Minuten.
Für den öffentlichen Verkehr müssen die Auswirkungen detaillierter untersucht werden. Im Regelfall sind nach Einführung von Tempo 30 keine nennenswerten Fahrplananpassungen notwendig. Eine konsequente Priorisierung des öffentlichen Verkehrs z.B. mittels Ampelsteuerung kann mehr Zeit einsparen, als durch die geringere signalisierte Höchstgeschwindigkeit verloren geht.
Kein massiver Ausweichverkehr messbar
Die Frage, ob tiefere Tempolimits Verkehr in andere Quartiere verdrängen, ist zentral für die Akzeptanz. Auf Basis der bisherigen Erfahrungen und auf Basis vorhandener Studien ist in der Regel kein Ausweichverkehr festzustellen. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Quartierstrassen ebenfalls mit maximal 30km/h befahren werden dürfen, die Strecke jedoch meist länger ist und auf Quartierstrassen der Rechtsvortritt die Fahrt zusätzlich abbremst. Wird trotzdem Ausweichverkehr befürchtet, sind ausreichend Begleitmassnahmen bekannt und erprobt, die den Ausweichverkehr eindämmen.
Sicherheit auch im Einsatzfall gewährleistet
In der öffentlichen Diskussion wird gelegentlich die Befürchtung geäussert, Einsatzfahrzeuge könnten durch tiefere Tempolimits gebremst werden. Dank der angepassten Gesetzgebung wird im Falle von Geschwindigkeitsübertretungen nicht die Differenz der gefahrenen Geschwindigkeit zur signalisierten Höchstgeschwindigkeit berücksichtigt, sondern lediglich die Differenz zur Geschwindigkeit, die für den Einsatz angemessen gewesen wäre. Mit dieser Regelung wird der besonderen Situation von Einsatzkräften Rechnung getragen.
Fazit: Grosse Wirkung bei geringen Nachteilen
Der Faktencheck zeigt: Tempo 30 verbessert die Verkehrssicherheit signifikant, reduziert Lärm und erhöht die Lebensqualität – ohne gravierende Einbussen bei Reisezeiten. Befürchteter Ausweichverkehr bleibt aus, wenn das Netz ganzheitlich geplant wird. Tempo-30 auch auf Hauptstrassen in Kernzonen von Städten und Dörfern kann den Strassenraum sicherer, ruhiger und lebenswerter machen – und damit zum wirksamen Instrument einer zukunftsfähigen Mobilität werden.