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Die «Crack-Krise» stellt Schweizer Städte vor eine neue Realität: Der Zugang zu Kokain ist einfach, der Konsum nimmt zu und die bisherige Suchtpolitik stösst an ihre Grenzen. Emilie Moeschler, Stadträtin und Vorsteherin des Departements Sport und sozialer Zusammenhalt, Lausanne, zeigt auf, wie ihre Stadt die bewährte Vier-Säulen-Politik weiterentwickelt, um den betroffenen Menschen besser zu helfen und die Herausforderungen im öffentlichen Raum anzugehen. Im Interview erläutert Patrik Degiacomi, Stadtrat in Chur, wie auch mittelgrosse Städte zunehmend mit den Folgen des steigenden Drogenkonsums konfrontiert sind und welche Herausforderungen sich in der Zusammenarbeit mit dem Kanton ergeben. Dass der Umgang mit Kokain und Crack für Städte eine langfristige und anspruchsvolle Aufgabe darstellt, betont auch Stefanie Knocks, Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin sowie Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN). Sie ist Autorin der von der Städteinitiative Sozialpolitik herausgegebenen Publikation «Crack: Orientierungshilfe für Städte und Gemeinden». Die Orientierungshilfe bündelt bestehende Erfahrungen und Massnahmen verschiedener Schweizer Städte.
Lausanner Antworten auf die «Crack-Krise»
Emilie Moeschler, Stadträtin Lausanne, Direktion Sport und sozialer Zusammenhalt
Wie andere Schweizer Städte ist auch Lausanne mit reichlich billigem Kokain konfrontiert. Diese «Crack-Krise» stellt die bisherigen Antworten der Suchtpolitik auf die Probe.
Lausanne setzt die «Vier-Säulen-Politik» des Bundes (Repression, Schadensminderung, Therapie, Prävention) seit den 1990er-Jahren um, konnte aber erst 2018 einen Konsumraum eröffnen. 2024 kam eine Aussenstelle hinzu, um näher bei den Menschen in prekären Lebenslagen zu sein. Der Nutzen der beiden Einrichtungen steht mit durchschnittlich 280 Konsumationen pro Tag ausser Frage. Parallel dazu hat der Kanton Waadt, der diese Politik mitfinanziert, neue Massnahmen entwickelt, etwa die ärztliche Verschreibung von Heroin und das Drug-Checking.
Seit 2023 und dem Beginn der «Crack-Krise» hat die Stadt Massnahmen ergriffen, um die Präsenz auf der Strasse zu verstärken und auf die Konsumierenden zuzugehen: Sie hat ein Sozial-Team geschaffen und die Subventionen für «Kleinjobs» erhöht, die auf Peer-Beratung beruhen und von Vereinen angeboten werden. Die Abteilung für Suchtmedizin des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) führt Strasseneinsätze durch und bietet in den Konsumräumen der Stadt medizinische Sprechstunden an. Für die Sicherheit sorgen die Polizei sowie Empfangs- und Sicherheitsmitarbeitende, die im Stadtzentrum rund um die Uhr präsent sind.
Die Instrumente sind vorhanden, doch die Ergebnisse genügen noch nicht – weder für die Konsumierenden noch für die Lebensqualität im öffentlichen Raum. Vor diesem Hintergrund hat die Stadtregierung 2025 die neue Strategie «Drogen und öffentlicher Raum» mit drei Schwerpunkten verabschiedet: eine bessere sozialmedizinische Versorgung, damit die Betroffenen Zugang zu Behandlung erhalten, weniger störendes Verhalten im öffentlichen Raum sowie weniger Strassenhandel. Seit dem 1. September stellt ein Berater die bereichsübergreifende Steuerung dieser Strategie sicher.
Mittelfristig werden weitere Massnahmen das Angebot ergänzen, namentlich längere Öffnungszeiten der Konsumräume und die Beschränkung des Zugangs auf Personen mit Wohnsitz im Kanton, wobei Ausnahmeregelungen vorgesehen sind. Die Stadt erwägt zudem, die Angebote der Schadensminderung an einem einzigen Ort zusammenzuführen, darunter auch neue Leistungen wie eine Notschlafstelle.
Die Vier-Säulen-Politik bleibt ein sehr gutes Instrument. Sie wurde für die «Heroin- und Aids-Krise» konzipiert und muss nun gestärkt und an die neuen Realitäten angepasst werden, die mit der Allgegenwart von Kokain und der zunehmenden Prekarität einhergehen. Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit zwischen institutionellen Partnern und Vereinen, zwischen Sicherheit, Sozialem und Gesundheit – ebenso wie jene mit dem Kanton und unter den Schweizer Städten.
«Die Abstimmung zwischen Stadt und Kanton ist und bleibt eine Herausforderung»
Patrik Degiacomi wurde 2015 erstmals als Mitglied des Bündner Kantonsparlaments vereidigt und leitet als Churer Stadtrat seit 2017 das Departement Bildung Gesellschaft Kultur. Er verfügt über einen Bachelor in Sozialer Arbeit FH der ZHAW, einen MAS in Sozialrecht der FHNW sowie über einen Master of Business Administration MBA der Wirtschaftsuniversität Wien.
Chur hat in den vergangenen Jahren mit der Entwicklung einer umfassenden Sucht- und Drogenpolitik sowie der Eröffnung einer Kontakt- und Anlaufstelle mit Konsumraum einen viel beachteten Weg eingeschlagen. Wie kam es dazu?
Um 2018 stellte die Stadtpolizei Chur Veränderungen in der Drogenszene fest. Statt teure opiatbasierte Substanzen überschwemmten günstige kokainbasierte Produkte den Markt. Die bisher eher ruhige Szene wurde dadurch deutlich sichtbarer. Weil die Stadt Chur während der Corona- Pandemie Parkanlagen offen behielt, hatte sie mit einer Sogwirkung zu kämpfen. Als Sofortmassnahme unternahm der Stadtrat2020 einen letztlich gescheiterten Versuch einer nächtlichen Parkschliessung und führte als flankierende Massnahme die aufsuchende Gassenarbeit «Streetwork» ein. Eine umfassende Situationsanalyse von 2021 bildete die Grundlage für die bis 2022 erarbeitete Strategie zur Sucht- und Drogenpolitik der Stadt Chur. Diese umfasste vier Stossrichtungen: einen Best Practice- Ansatz in der Suchtprävention, die Einrichtung eines begleiteten Konsumraumes, eine Verbesserung der Wohnangebote sowie ein Konzept für die durchmischte Nutzung öffentlicher Anlagen. Mit Ausnahme des letzten Punktes beauftragte das Stadtparlament den Stadtrat in allen Bereichen weiterzuarbeiten.
Die Eröffnung der Kontaktstelle samt Konsumraum erfolgte im Frühling. Welche Bilanz ziehen sie nach diesem ersten Sommer? Sind neue Entwicklungen oder Herausforderungen sichtbar geworden?
Die Nutzung ist mit 110 registrierten Personen sogar besser als erwartet. Wir stellen dadurch eine leichte Beruhigung der Szene und eine Entlastung im öffentlichen Raum fest. Die Einrichtung wird jedoch nicht von allen genutzt. Eine Gruppe von rund 35 auswärtigen Personen hat keinen Zutritt und prägt das öffentliche Bild weiterhin. Die Verstärkung der Repression bei dieser Gruppe steht aktuell polizeilich im Vordergrund. Darüber hinaus bleiben die Nächte eine Herausforderung, weil der Ausbau der Angebote im Bereich Wohnen nicht Schritt halten kann mit der zunehmenden Obdachlosigkeit.
Welche Rolle spielen die Kontakt- und Anlaufstelle in der Churer Suchtpolitik? Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Angeboten?
Die Eröffnung der zentral gelegenen neuen Kontakt- und Anlaufstelle mit dem Konsumraum ist ein Meilenstein der Bündner Sucht- und Drogenpolitik. Damit kommt erstmals ein sehr gut ausgebautes und für die suchterkrankten Menschen attraktives Angebot niederschwellig zu ihnen. Sie nutzen den Ort nicht nur für die Konsumation, sondern für Verpflegung, Körperpflege, pflegerische und sozialarbeiterische Unterstützung und generell als sicheren Aufenthaltsort. Diese und weitere Angebote der Suchthilfe erreichen dadurch Menschen in sehr schwierigen Lebenssituationen besser.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Sozialdiensten, Polizei und weiteren Beteiligten in der Umsetzung der Churer Suchtpolitik?
Die Stadt richtete schon früh einen interdisziplinären und departementsübergreifenden Führungsstab ein. Die gemeinsame Erarbeitung der Strategie, der Massnahmen, der Umsetzung und insbesondere auch der Kommunikation sind für das Gelingen zentral.
Der Aufbau des Angebots erforderte eine Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kanton. Wie haben Sie diese Zusammenarbeit erlebt, insbesondere bei der Finanzierung und der Aufgabenteilung?
Die Abstimmung zwischen Stadt und Kanton ist und bleibt eine Herausforderung, weil die Betroffenheit und die Perspektiven sehr unterschiedlich sind. Auch wenn die betroffenen Menschen aus dem ganzen Kanton stammen, wird die Szene vor allem in Chur sichtbar. Zwar legt das Bündner Suchthilfegesetz die Zuständigkeiten für Angebote der Schadenminderung klar beim Kanton fest; doch damit ist noch nicht gesagt, dass der Kanton den Bedarf gleich einschätzt wie dessen Hauptstadt.
Inwiefern wurde und wird die Churer Stadtbevölkerung und insbesondere Anwohnende der Kontaktstelle einbezogen?
Kaum ein Quartier wird einen Konsumraum willkommen heissen. Die Kommunikation und der Einbezug der Bevölkerung waren deshalb ein sehr wichtiges Puzzlestück zum Gelingen. Wir konnten insbesondere Sicherheitsbedenken gut in die Planung und das Einsatzdispositiv der Stadtpolizei aufnehmen. Die betroffene Nachbarschaft verstand bald, dass ihre Sicherheit für uns höchste Priorität hat.
Die Suchtpolitik entwickelt sich laufend weiter. Wo sehen Sie für kleine und mittelgrosse Städte in den kommenden Jahren den grössten Handlungsbedarf?
Es ist aus meiner Sicht zentral, dass auch bei kokainbasierten Substanzen möglichst schnell eine medizinisch kontrollierte Substitution ermöglicht wird. Dadurch kann den betroffenen Menschen besser geholfen werden und die Bevölkerung wird besser vor der Beschaffungskriminalität geschützt.
Kokain und Crack in den Städten – Aufgabenteilung und Lösungen
Kokain- und Crackkonsum ist im öffentlichen Raum sichtbarer geworden. Obwohl die Kombination neuer und bewährter Massnahmen die Situation mancherorts vorübergehend stabilisieren konnte, ist keine Entspannung in Sicht. Es bleibt eine Daueraufgabe, bei der die Städte zentrale, innovative Akteurinnen sind – eine unterstützende Arbeitsteilung mit Bund und Kantonen vorausgesetzt.
Stefanie Knocks, Dr. rer. soc., ist Politik- und Kommunikationswissenschafterin und Mitglied der Eidg. Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN).
Die Schweiz erlebt seit mehreren Jahren einen markanten Anstieg des Konsums von Kokain und seinen rauchbaren Formen Crack und Freebase. Ihre stark anregende Wirkung hält nur wenige Minuten an. Darauf folgt ein «Crash», der das Bedürfnis nach erneutem Konsum auslöst und dazu führen kann, dass Menschen mehrmals täglich konsumieren. Besonders häufig betroffen sind Personen mit Mehrfachbelastungen (Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen, weiterer Substanzkonsum, Armut). Dadurch sind die gesundheitlichen und sozialen Folgen im öffentlichen Raum deutlich sichtbar. Viele grosse und kleine Städte haben – auch im gegenseitigen Austausch – Massnahmen zur Unterstützung der betroffenen Konsumierenden und zur Entlastung des öffentlichen Raums ergriffen.
Die Städte organisieren die soziale Unterstützung und Stabilisierung von Menschen, die Kokain oder Crack konsumieren, in den folgenden Bereichen eigenständig: Sozialdienste, Wohnintegration, Obdachlosenhilfe, Tagesstrukturen, Streetwork und niederschwellige Beratung. Ebenso können sie kurzfristige Entspannung im öffentlichen Raum erreichen – etwa durch Reinigung, Platzmanagement, Konfliktmanagement und Präsenz von Sicherheitspersonal.
Gemäss Betäubungsmittelgesetz sind allerdings die Kantone zuständig, Angebote der Therapie, Wiedereingliederung, Schadensminderung und Überlebenshilfe zu schaffen und zu unterhalten. Klient:innengerechte Konsumräume mit toleriertem Kleinhandel haben sich als schadensminderndes Schlüsselelement zur Stabilisierung von Menschen, die rauchbare Kokainprodukte konsumieren, und zur Entlastung für den öffentlichen Raum bewährt. In der Praxis übernehmen jedoch auch Städte diese Aufgaben, wenn kantonale Angebote unzureichend sind oder fehlen.
Während die kontrollierte Verabreichung von legalen Substanzen mit ähnlicher Wirkung (Agonistentherapie) bei Opiaten eine etablierte Behandlungsmöglichkeit darstellt, fehlt ein vergleichbarer Ansatz bei Crack und anderen Kokainprodukten. Deshalb braucht es hier andere Therapieansätze, deren Verfügbarkeit durch die Kantone sichergestellt werden muss.
Der Bund unterstützt die Städte durch gesetzliche Grundlagen, Koordination und Wissensvermittlung hinsichtlich Kokain- und Crackkonsum. Gesetzliche Grundlagen für Therapie, Schadensminderung und Forschung bestehen zwar, lassen jedoch Interpretationsspielraum. Dadurch bleibt für kantonale und städtische Stellen, Ärzt:innen und Forschende unklar, welche Angebote und Forschungsdesigns bewilligungsfähig sind. Das macht es den Gemeinden schwerer neue Wege zu gehen: Einige Städte prüfen zum Beispiel die ärztlich und wissenschaftlich begleitete Abgabe von Kokain. Durch den wegfallenden Beschaffungsdruck könnten betroffene Personen wieder vermehrt zu Essen und Schlaf kommen und in der Interaktion mit Betreuungsteams Motivation für therapeutische Gespräche entwickeln.
Einer Abschwächung der «Crack-Krise» steht zudem im Wege, dass die Gründe hinter dem anhaltenden Konsum komplex und noch nicht vollständig bekannt sind. Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit weiteren sozialen Problematiken wie Armut, Mangel an günstigem Wohnraum und Migrationsphänomenen.
Wie in den 1990er Jahren konzentriert sich die Problemlast in den Städten. Sie sind als innovative Problemlöserinnen gefragt, brauchen dafür aber einen klaren rechtlichen Rahmen seitens des Bundes und tragfähige Strukturen in Therapie und Schadensminderung, geschaffen durch die Kantone. Die Städte können dann die bewährte 4-Säulen-Politik an neue Umstände anpassen, indem sie etablierte Lösungen pragmatisch mit neuen Ansätzen kombinieren.
Crack: Orientierungshilfe für Städte und Gemeinden
Die von der Städteinitiative Sozialpolitik, einer Sektion des Städteverbands, herausgegebene Publikation bietet praxisnahe Grundlagen und konkrete Beispiele aus verschiedenen Schweizer Städten zum Umgang mit zunehmendem Crack- und Freebase-Konsum im öffentlichen Raum. Im Vordergrund stehen effektive Hilfsangebote und die nachhaltige Minderung negativer Folgen für Konsumierende und Gesellschaft.
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