«Städte, Kantone und der Bund brauchen sich gegenseitig.»
Sie waren 17 Jahre Stadtpräsidentin von Zürich. Wenn Sie Ihren täglichen Arbeitsweg beschreiben: Wie hat sich die Stadt in dieser Zeit verändert?
Wenn ich konkret meinen Arbeitsweg ins Stadthaus anschaue, stelle ich fest: Heute sind viel mehr Zürcher:innen mit dem Velo unterwegs als noch 2009. Tatsächlich hat sich der Velo-Anteil am Stadtverkehr mehr als verdoppelt. Gleichzeitig leben und arbeiten natürlich auch viel mehr Menschen hier: Zürich ist seit 2009 um fast 70 000 Einwohner:innen gewachsen, und es gibt heute rund 100 000 zusätzliche Arbeitsplätze.
Aufgewachsen sind sie einerseits in der Grossstadt Boston und andererseits in einem kleinen Aargauer Dorf. Erinnern Sie sich an ihren Zugang zu Stadt als Kind/Jugendliche?
Boston ist gar nicht so viel grösser als Zürich. Oberlunkhofen hingegen war ein Dorf. Es gab drei oder vier Postauto-Verbindungen pro Tag nach Zürich. Ich bin als Studentin nach Zürich gekommen, studierte Agronomie an der ETH. Ich habe dort Fuss gefasst. In wissenschaftlichen, politischen, feministischen und kulturellen Kreisen. Heute ist Zürich meine Heimat.
Wie kamen Sie zur Kommunalpolitik? Gab es ein Schlüsselerlebnis, dass Sie sich auf dieser Staatsebene politisch engagierten?
Ich engagierte mich schon früh politisch, fand aber lange, ich müsse nicht unbedingt in einer Partei sein. Dann hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich trat meinen Job als erste Abfall- und Umweltbeauftragte der Stadt Uster an. Da wurde mir schnell klar, dass einem eine starke und grosse Partei ein wichtiges Netzwerk eröffnet. So kam ich in die SP. Und dann fand ich rasch Gefallen am Mitarbeiten und Mitgestalten unserer Demokratie.
Sie sind die erste Stadtpräsidentin Zürichs und wurden viermal wiedergewählt. Was macht das mit einem?
Der Beginn war nicht einfach, ich stand als erste Frau im Amt unter erhöhter Beobachtung. Die Leute mussten sich etwas an mich gewöhnen, sie kannten zuvor ja nur Männer in diesem Amt. Meine Aufgabe als Stadtpräsidentin hat mich immer mit grosser Freude erfüllt – und auch mit Demut. Ich bin weiterhin sehr motiviert, freue mich aber auch, künftig wieder mehr über meine Agenda bestimmen zu können.
Was waren die grössten Herausforderungen als Stadtpräsidentin? Was würden Sie im Rückblick anders machen?
Eine der grössten Herausforderungen war die Corona-Krise. Das städtische Leben war enorm eingeschränkt. Wir mussten innert kürzester Zeit Unterstützung für verschiedenste Akteur:innen auf die Beine stellen. Zum Beispiel für Kulturschaffende, die auf einen Schlag vor dem Nichts standen, für Gastro- und Detailhandelsbetriebe oder Selbstständigerwerbende. Hier haben wir unter grossem Druck schnell und unbürokratisch Lösungen gefunden. In solch schwierigen Zeiten zeigt sich das Herz einer Stadt.
Natürlich gibt es aus 17 Jahren auch Dinge, die ich aus heutiger Perspektive anders anpacken würde. So habe ich zum Beispiel bei der künstlerisch herausragenden, aber historisch belasteten Sammlung Bührle im Kunsthaus zu spät reagiert. Heute sind wir da aber viel weiter und investieren viel in die weitere Forschung und eine angemessene Präsentation.
Zürich ist die grösste Stadt des Landes und damit wichtiger Teil des Schweizer Städtenetzes. Was macht diese urbane Schweiz aus?
Städte in der Schweiz, aber auch in vielen anderen Ländern, sind mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Oft sind es Herausforderungen, die sich später auch anderswo zeigen. Deshalb ist es wichtig, dass die Städte weiterhin mutig mit fortschrittlichen Lösungen vorangehen und ihr Wissen miteinander teilen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir über die Stadtgrenzen hinausdenken: Wir müssen vermehrt in funktionalen Räumen denken, und es braucht ein gegenseitiges Verständnis zwischen Städten, Agglomerationsgemeinden und ländlichen Gebieten. Zusammen sind wir die Schweiz.
Als Vizepräsidentin des Städteverbands vertraten Sie diese städtische Schweiz: Wie ist die Wahrnehmung der Städte auf nationaler Ebene?
Die Städte sind das Fortschrittslabor und die Wirtschaftslokomotive der Schweiz. Sie erarbeiten rund 80 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Das Verhältnis zwischen Gemeinden und Kanton und zwischen Kantonen und Bund ist immer wieder ein virulentes und teilweise auch ein brisantes Thema. Das gehört bis zu einem gewissen Punkt zu einem föderalen Bundesstaat dazu. Sorgen bereitet mir aber, dass unterschiedliche politische Akteure zunehmend darauf abzielen, den Handlungsspielraum der jeweils unteren Staatsebene einzuschränken – und zwar aus rein ideologischen und machtpolitischen Motiven heraus. Dieser Trend schadet dem erfolgreichen Ideenlabor Föderalismus.
Was wünschen Sie sich für die Stadt Zürich - in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Kanton und Bund?
Städte, Kantone und der Bund brauchen sich gegenseitig, deshalb ist eine gute und respektvolle Zusammenarbeit wichtig. Oft klappt das gut, in gewissen Themen sind wir uns aber nicht einig. Wie bereits gesagt: Schwierig wird es beispielsweise dann, wenn die Gemeindeautonomie aus ideologischen Gründen negiert wird – konkret etwa beim Thema Tempo 30 oder beim kommunalen Stimm- und Wahlrecht für Ausländer:innen. Ich wünsche mir für die Stadt, dass sie ihren Spielraum erhält, nutzt und sich dafür einsetzt, dass dieser respektiert wird.
Welche Herausforderungen stellen sich Zürich und der urbanen Schweiz in Zukunft?
Eine zentrale Herausforderung bleibt das Thema Wohnen. Wir wollen eine Stadt für alle bleiben. In unserer Bevölkerungsbefragung 2025 war Wohnen erstmals vor dem Verkehr das klar drängendste Problem. Die Angebotsmieten haben sich in Zürich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt; es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. Die Stadt engagiert sich, wo sie kann: Wir kaufen Liegenschaften, wir bauen selbst, wir suchen das Gespräch mit privaten Immobiliengesellschaften. Aber oft sind uns die Hände gebunden, weil unser Spielraum auf kantonaler oder nationaler Ebene bestimmt wird. Kürzlich wurde zum Beispiel im Kanton Zürich die Initiative für ein kommunales Vorkaufsrecht bedauerlicherweise abgelehnt. Wir hoffen nun auf eine weitere Abstimmung im Juni: Die «Wohnschutzinitiative» gäbe den Gemeinden neue Möglichkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu schützen. Dabei könnte jede Stadt und Gemeinde für sich entscheiden, ob sie von diesen Möglichkeiten Gebrauch mach will oder nicht.
Wenn Sie sich was wünschen könnten für Zürich und die städtische Schweiz: Was wäre es?
Ich wünsche den Städten Mut und die entsprechenden Rahmenbedingungen, um ihre Funktion als Labor für Innovationen beizubehalten. Letztlich profitiert die ganze Schweiz davon. Ein Beispiel aus der Vergangenheit: die Vier-Säulen-Politik. Sie wurde in Zürich erprobt, heute ist sie nationale Politik. Und ein aktuelles Beispiel aus Zürich: In einem «Pilotquartier Netto-Null» erproben wir zusammen mit der Bevölkerung und Unternehmen Klimaschutzmassnahmen in der Praxis und entwickeln sie gemeinsam weiter. Was funktioniert, weiten wir dann auf die ganze Stadt aus.
